Aus der Praxis
Dirk Weber, Gründer und Geschäftsführer
In vielen Erstgesprächen höre ich von Kliniken denselben Satz: Die Anzeige lief, aber es kamen keine passenden Bewerbungen. Spreche ich anschließend mit Oberärzten und Chefärzten, die genau ins Profil passen würden, zeigt sich der Grund: Sie haben die Anzeige gesehen, sich aber nie angesprochen gefühlt.
Wie groß ist der Kreis geeigneter Kandidaten?
Für eine Chefarztposition kommen in der Regel drei Gruppen infrage: amtierende Chefärzte, die sich verändern möchten, leitende Oberärzte und erfahrene Oberärzte mit Führungserfahrung. Jedes weitere Kriterium verkleinert diese Gruppe: der fachliche Schwerpunkt, operative oder interventionelle Spezialisierungen, Weiterbildungsbefugnis, Führungserfahrung in vergleichbarer Größe.
Am Ende bleibt je nach Fachgebiet oft nur eine überschaubare Zahl von Personen, die fachlich wirklich passen.
Wie angespannt der ärztliche Arbeitsmarkt insgesamt ist, zeigt das Krankenhaus-Barometer des Deutschen Krankenhausinstituts: 72 % der Krankenhäuser hatten im Frühjahr 2022 Probleme, offene Stellen im Ärztlichen Dienst zu besetzen.
Warum suchen die meisten Kandidaten nicht aktiv?
Wer bereits eine leitende Position hat, bewirbt sich selten offen. Eine Bewerbung kann im eigenen Haus bekannt werden und das Vertrauen von Geschäftsführung und Team belasten. Viele erfahrene Ärztinnen und Ärzte sind außerdem zufrieden genug, um nicht zu suchen, aber offen für eine klar bessere Perspektive.
Eine Stellenanzeige erreicht diese Gruppe kaum. Sie wird erst sichtbar, wenn man sie gezielt und vertraulich anspricht. Wie das funktioniert, beschreibt der Themenbereich Chefarztstelle besetzen.
Welche Rolle spielen Standort und Lebenssituation?
Ein Wechsel auf eine Chefarztposition ist fast immer auch ein Umzug. Partnerinnen und Partner haben eigene Berufe, Kinder gehen zur Schule, Wohneigentum bindet. Je weiter eine Klinik von großen Städten entfernt ist, desto stärker wirken diese Faktoren.
Kliniken können den Standort nicht ändern, wohl aber, wie sie mit ihm umgehen: mit Unterstützung beim Umzug, bei der Jobsuche für Partner oder bei der Wohnungssuche. Mehr dazu im Themenbereich Attraktive Chefarztposition.
Wie verändern sich die Anforderungen an Chefärzte?
Die Rolle ist breiter geworden. Neben der medizinischen Leitung erwarten Kliniken Führung eines Teams unter Fachkräftemangel, wirtschaftliche Steuerung, Qualitätsmanagement und enge Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen. Wer all das mitbringt, ist entsprechend gefragt.
Zugleich verändert die Krankenhausreform mit ihren Leistungsgruppen, welche Leistungen ein Haus künftig anbieten darf. Kandidaten fragen deshalb genauer nach, wie sicher die Zukunft der Abteilung ist. Unklare Antworten kosten Vertrauen.
Was bedeutet der Generationswechsel?
In vielen Abteilungen steht in den kommenden Jahren ein Generationswechsel an. Laut Ärztestatistik der Bundesärztekammer sind 23,4 % der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte älter als 60 Jahre (Stand 31.12.2025). Entsprechend viele Chefärzte erreichen in absehbarer Zeit das Ruhestandsalter. Gleichzeitig wägen jüngere Oberärztinnen und Oberärzte die Belastung einer Chefarztposition bewusster ab. Mehr Nachfolgen treffen so auf einen Kandidatenkreis, der nicht im selben Maß wächst.
Unsere Einordnung
Was bedeutet das für Kliniken?
Wer eine Chefarztstelle besetzen will, sollte nicht auf Bewerbungen warten, sondern den Markt aktiv erschließen. Dazu gehören ein realistisches Anforderungsprofil, ein Angebot, das im Wettbewerb besteht, ein früher Start und zügige Entscheidungen, sobald gute Kandidaten im Gespräch sind. Nach unserer Erfahrung scheitern Besetzungen am häufigsten nicht am fehlenden Interesse der Kandidaten, sondern daran, dass die Klinik sie nie erreicht oder zu lange für eine Entscheidung braucht.
Wann die Suche bei einer planbaren Nachfolge beginnen sollte, erklärt der Themenbereich Chefarzt-Nachfolge. Wann sich externe Unterstützung lohnt, zeigt Personalberatung für Chefarztpositionen.
Häufige Fragen
Welche Chefarztstellen sind besonders schwer zu besetzen?
Das hängt vom Fachgebiet, vom geforderten Schwerpunkt und vom Standort ab. Je spezieller das Profil und je schwieriger der Standort für einen Umzug mit Familie, desto kleiner ist der Kandidatenkreis. Besonders schwierig erleben wir hochspezialisierte Schwerpunkte an Standorten abseits der großen Städte.
Hilft eine höhere Vergütung?
Sie kann helfen, reicht aber selten allein. Kandidaten wechseln vor allem, wenn Perspektive, Gestaltungsspielraum und Rahmenbedingungen überzeugen und das Gesamtpaket im Markt besteht.
Wie früh sollte eine Klinik mit der Suche beginnen?
Bei planbarer Nachfolge rund 18 Monate vor dem Ausscheiden, bei kurzfristiger Vakanz sofort.



