Aus der Praxis
Dirk Weber, Gründer und Geschäftsführer
In Gesprächen mit Chefarztkandidaten erlebe ich regelmäßig, dass die Entscheidung nicht beim Gehalt fällt. Den Ausschlag gibt eher das Haus, das klar sagt, wohin sich die Abteilung entwickeln soll und wie viel Gestaltungsspielraum die neue Leitung dabei hat. Genau diese Faktoren haben Kliniken selbst in der Hand.
Warum das Angebot über den Erfolg der Suche entscheidet
Erfahrene Kandidaten haben meist eine sichere Position. Sie wechseln nur, wenn die neue Aufgabe klar besser ist, und zwar nicht nur beim Gehalt. Eine Suche kann noch so gut geführt sein: Wenn das Angebot nicht überzeugt, sagen die besten Kandidaten ab.
Zehn Faktoren, die Kliniken beeinflussen können
1. Perspektive der Abteilung
Kandidaten wollen wissen, welche Rolle die Abteilung künftig im Haus und im Verbund spielt, gerade mit Blick auf die Leistungsgruppen der Krankenhausreform. Eine klare, schriftlich festgehaltene Strategie schafft Vertrauen.
2. Investitionen und Ausstattung
Zusagen zu Medizintechnik, Räumen oder IT zeigen, dass das Haus in die Abteilung investiert. Konkrete Zusagen wirken stärker als allgemeine Absichtserklärungen.
3. Stellenplan und Team
Wie viele Oberärzte und Assistenzärzte hat die Abteilung, wie stabil ist das Team, gibt es offene Stellen? Eine realistische Darstellung ist besser als eine Schönfärberei, die im ersten Hospitationstag auffällt. Wie sehr das zählt, zeigt der MB-Monitor 2024 des Marburger Bundes: 59 % der angestellten Ärztinnen und Ärzte bewerten die ärztliche Personalbesetzung in ihrer Einrichtung als eher schlecht oder schlecht.
4. Entscheidungswege
Wie schnell lassen sich Entscheidungen mit der Geschäftsführung treffen? Kurze Wege und klare Zuständigkeiten sind für viele Kandidaten ein wichtiges Argument.
5. Vergütungspaket
Fixum, variable Bestandteile und gegebenenfalls die Beteiligung an Einnahmen aus wahlärztlichen Leistungen müssen im Markt bestehen und nachvollziehbar sein. Zielvereinbarungen sollten medizinisch vertretbar gestaltet sein.
6. Weiterbildungsbefugnis und fachliche Entwicklung
Die Weiterbildungsbefugnis, Möglichkeiten zur Spezialisierung und gegebenenfalls Forschung und Lehre machen eine Position fachlich interessant und erleichtern es, das Team zu halten.
7. Dienst- und Vertretungsregelungen
Wie sind Hintergrunddienste organisiert, wer vertritt im Urlaub, welche Erreichbarkeit wird erwartet? Viele Kandidaten fragen inzwischen gezielt danach. Knapp die Hälfte der angestellten Ärztinnen und Ärzte (49 %) fühlt sich laut derselben Befragung häufig überlastet.
8. Unterstützung beim Umzug und für die Familie
Hilfe bei der Wohnungssuche, Kontakte für den Partner oder die Partnerin, Informationen zu Schulen und Kinderbetreuung nehmen dem Wechsel viel von seiner Hürde.
9. Einarbeitung
Ein klarer Plan für die ersten Monate, idealerweise mit einer Übergabe durch den Vorgänger, zeigt Kandidaten, dass das Haus den Start ernst nimmt.
10. Ehrliche Kommunikation im Verfahren
Schnelle Rückmeldungen, verlässliche Termine und offene Antworten auf kritische Fragen sind selbst ein Teil des Angebots. Kandidaten schließen vom Auswahlverfahren auf die spätere Zusammenarbeit.
Was Kliniken nicht ändern können und wie sie damit umgehen
Standort, Versorgungsstufe und Trägerschaft sind gesetzt. Sie müssen kein Nachteil sein: Ein regionales Haus kann mit kurzen Wegen, Gestaltungsspielraum und der Nähe zu den Patientinnen und Patienten punkten. Wichtig ist, diese Stärken nicht vorauszusetzen, sondern zu benennen.
Wie das Angebot in der Ansprache sichtbar wird
Ein attraktives Angebot nützt nur, wenn Kandidaten es früh erfahren. Die wichtigsten Punkte gehören deshalb schon ins Anforderungsprofil und in das erste Gespräch, nicht erst in die Vertragsverhandlung. Wie ein Profil entsteht, beschreibt der Themenbereich Chefarzt-Nachfolge.
Unsere Einordnung
Was bedeutet das für Kliniken?
In unseren Gesprächen mit Kandidaten geben am häufigsten eine klare Perspektive für die Abteilung, spürbarer Gestaltungsspielraum und ein stabil aufgestelltes Team den Ausschlag. Unterschätzt werden vor allem die Punkte, die wenig kosten: schnelle Entscheidungen im Verfahren, ehrliche Antworten und Unterstützung beim Umzug der Familie.
Häufige Fragen
Welcher Faktor ist für Kandidaten am wichtigsten?
Das ist individuell. Häufig entscheiden die Perspektive der Abteilung und der Gestaltungsspielraum mit darüber, ob ein Kandidat wechselt, nicht die Vergütung allein.
Sollte eine Klinik Investitionen schon in der Ansprache zusagen?
Wenn sie beschlossen sind, ja. Konkrete Zusagen stärken die Glaubwürdigkeit. Unverbindliche Andeutungen können dagegen später Vertrauen kosten.
Was tun, wenn das Budget für die Vergütung begrenzt ist?
Dann lohnt es sich, die anderen Faktoren stärker zu nutzen und konkret zu benennen: Perspektive, Ausstattung, Team, Dienstmodelle und Unterstützung beim Wechsel.



